60 Jahre Van Cliburn – ein großer Klavierwettbewerb in Tradition der Völkerverbundenheit

Der Gewinn des ersten Tschaikowsky-Wettbewerbs in Moskau auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges im Jahr 1958 brachte Van Cliburn eine beispiellose Berühmtheit für einen amerikanischen Konzertpianisten ein. Cliburns internationaler Sieg hat bei vielen Amerikanern ein neues Gefühl künstlerischen Stolzes geweckt und gleichzeitig die Tür zu einer neuen Ära der kulturellen Beziehungen zwischen Ost und West geöffnet. Der Van Cliburn International Piano Competition wurde kurz darauf ins Leben gerufen, um Van Cliburns einzigartiges Vermächtnis fortzusetzen, zu demonstrieren, wie klassische Musik in den Händen eines Meisters die Anziehungskraft hat, über alle Grenzen hinweg zu wirken.

Der alle vier Jahre stattfindende Van Cliburn International Piano Competition, der erstmals 1962 stattfand, etablierte sich schnell als eine Veranstaltung, die die lokale Gemeinschaft inspiriert und einbindet und gleichzeitig die internationale Bühne ziert. Der Cliburn-Wettbewerb ist eines der wenigen Musikevents weltweit, bei dem Wettbewerber in Gastfamilien untergebracht werden, was oft zu engen, langfristigen Beziehungen führt: Dies hat dazu geführt, dass die Gastfreundschaft der Südstaaten zu einem einzigartigen Markenzeichen des Cliburn-Wettbewerbs geworden ist.

– https://cliburn.org/cliburn-competition-history/

Finalisten The Cliburn 2022 | Bildquelle: The Cliburn/Ralph Lauer
Jurypräsidentin und Dirigentin Marin Alsop | Bildquelle: The Cliburn/Ralph Lauer

Am Samstag ging im texanischen Fort Worth der 16. Internationale Klavierwettbewerb Van Cliburn zu Ende – mit einem Finale, das aus einem Hollywood-Drehbuch stammen könnte. Die sechs Finalisten kommen aus Russland, der Ukraine, Belarus, Südkorea und den USA. Die Wettbewerbsleitung hatte sich im Vorfeld explizit dagegen ausgesprochen, Teilnehmer aus politischen Gründen auszuschließen. Das Rennen machte schließlich der jüngste Teilnehmer des gesamten Wettbewerbs: Yunchan Lim aus Südkorea.

HOLLYWOODREIFES FINALE

Besonders spannend war in diesem Jahr die Konstellation des Teilnehmerfeldes: Die Wettbewerbsleitung hatte sich im Vorfeld explizit dagegen ausgesprochen, Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Russland oder Belarus auszuschließen. Das Finale war dann fast hollywoodreif: Eine Pianistin und ein Pianist aus Russland, einer aus Belarus, ein Ukrainer, ein Südkoreaner sowie ein US-Amerikaner, in ihrer Art so unterschiedlich – stilistisch ebenso wie in ihrer Persönlichkeit. Und auch die Altersspanne war enorm: So haben es mit der 31 Jahre alten Anna Geniushene aus Russland und den gerade mal 18-jährigen Koreaner Yunchan Lim die Älteste und der Jüngste aller 30 Kandidaten und Kandidatinnen ins Finale geschafft. Und die beiden konnten dann schließlich auch die ersten beiden Plätze unter sich ausmachen: Yunchan Lee wurde mit der Goldmedaille und dem Van Cliburn Winner’s Cup ausgezeichnet, Anna Geniushene bekam die Silbermedaille. Die Bronzemedaille konnte sich der Ukrainer Dmytro Choni erspielen.

– br-klassik

Preisträger "The Cliburn 2022": Anna Geniushene (Russland) 2. Preis; Yunchan Lim (Südkorea) 1. Preis; Dmytro Choni (Ukraine) 3. Preis | Bildquelle: The Cliburn/Richard Rodriguez
die stolzen Gewinner, in der Mitte der 18-jährige Yunchan Lim als 1. Preisträger

600 VOLUNTEERS UND 30 NEUE FLÜGEL

Nicht nur die 30 eingeladenen Pianistinnen und Pianisten aus aller Welt, auch die Einwohner von Fort Worth sind ganz enthusiastisch bei „The Cliburn“ dabei: Um die 600 engagieren sich als Volunteers ehrenamtlich. Das geht vom Platzanweiser über die legendäre Backstage-Mum bis hin zu den Gastfamilien. So wohnen alle 30 Kandidatinnen und Kandidaten bei einer Host-Family, die eigens für den Wettbewerb einen neuen Steinway nach Hause geliefert bekommen, damit alle die gleichen Übe-Konditionen vorfinden.

ENTSPANNTE ATMOSPHÄRE TROTZ POLITISCH ANGESPANNTER SITUATION

Auch wenn sich einige der Kandidatinnen und Kandidaten explizit nicht zu politischen Themen äußern wollten, war man sich doch einig: Man tritt hier nicht für eine Nation an, sondern will gemeinsam durch die Musik als eine universelle Sprache kommunizieren. Viele kennen sich zudem schon seit vielen Jahren oder haben sogar in der gleichen Klasse studiert.

Auch der Leiter des Wettbewerbs, der Kanadier Jacques Marquis, betont noch einmal die Richtigkeit seiner Entscheidung, niemanden vom Wettbewerb ausgeschlossen zu haben:

Es wäre ein großer Fehler, junge Menschen nicht zum Wettbewerb zuzulassen – denn sie könnten die Stimmen von morgen sein.
–Jacques Marquis, CEO des Van-Cliburn-Klavierwettbewerbs 

Semifinalrunde: Beethoven-Klavierkonzert c-moll, op. 37

Semifinale: Beethoven Klavierkonzert C-Dur, op. 15

Finalrunde: Rachmaninow: Klavierkonzert d-moll, op. 30

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