Die Schwestern Lili und Nadja Boulanger und ihr geniales Musikschaffen

Die Kunst der Musik ist so tief und tiefgreifend, dass es nicht ausreicht, sie nur sehr ernst zu nehmen. Man muss an die Musik mit einer ernsten Strenge und gleichzeitig mit einer großen, zärtlichen Freude herangehen.

– Nadja Boulanger (1887-1979); Komponistin und Klavierpädagogin

Vielleicht haben wir es gerade in der Musik mit einem der traurigsten Kapitel der gezielten Fälschung unserer Menschheitsgeschichte zu tun, indem wir weiterhin daran festhalten, als hätte es  – außer vielleicht Clara Schumann – keine einzige Komponistin in der gesamten Musikgeschichte gegeben. Man kann nicht behaupten, dass das kompositorische Schaffen der weiblichen Tonschaffenden ein gesellschaftliches Allgemeingut wäre. Dass in diesem Fall mit den Schwestern Boulanger, die im Übrigen auch heute kaum ein Musiker oder eine Musikerin kennt, der Blick auf die bedeutendste Lehrerpersönlichkeit  der Musik – Nadja Boulanger – und die größte Komponistin unserer Musikgeschichte – Lili Boulanger – verloren geht ist mehr als bedauerlich. Die folgenden englischsprachigen Beiträge mögen vielleicht manchem Musikfreund ein unerhörtes Universum eröffnen und so dazu beitragen, eine klaffende Lücke zu schließen. 

In diesem großartig recherchierten Video lernen wir einige Stationen aus dem Leben der größten Musikpädagogin unserer Zeit kennen: Nadja Boulanger. Großen Dank und Bewunderung an den Betreiber des Youtube-Kanals: „Inside the Score“

Oft habe ich mir die Frage gestellt, warum wir uns gerade in der Musik so schwer tun, die schöpferischen Fähigkeiten von Frauen anzuerkennen. Obwohl wir Schriftstellerinnen und Malerinnen bewundern, wissen wir von Komponistinnen beinahe nichts. Heute hat sich das Bild etwas gewandelt – zumindest sind Kompositionsstudentinnen an den Hochschulen keine Utopie mehr. Doch kann man nicht behaupten, dass es einen unvoreingenommenen Umgang mit dem Leben und Schaffen von Komponistinnen gäbe, sowie man historische Werke von ihnen – außer dem Klavierkonzert Clara Schumanns – in heutigen Konzerten selbstverständlich zu hören bekäme.

Als künstlerische Leiterin dieser Konzerte wurde ich oft gefragt, ob es einen Unterschied zwischen der Musik von Komponistinnen und ihren männlichen Kollegen gäbe. Die Wahrheit ist, dass es, wie bei Komponisten auch, eine von Komponistin zu Komponistin deutlich unterscheidbare Tonsprache gibt, die man lernen sollte zu würdigen. Selbstverständlich finden wir innerhalb des Kanons von über 4000 Komponistinnen Qualitätsunterschiede, wie in jeder anderen Musik auch. Dass die Ursache der Ausblendung des kompositorischen weiblichen Schaffens zum überwiegenden Teil mit dem Bewusstsein der ausübenden Musiker in Verbindung steht, weiß ich heute. Man kann sagen, dass ich hier (Anmerkung: in den Jahren 1993-96) „blauäugig“ versuchte, der Zeit vorauszueilen. Damals befand sich das Bewusstsein der meisten meiner Kollegen in einem Bereich ( Ø BW 310), der es ihnen nicht erlaubte aus festgefügten Grenzen herauszutreten. Vor allem die Angst, an eigenem Wert zu verlieren wurde hier zu einer nicht zu unterschätzenden Größe. Heute, auf der Ebene des Bewusstseins über BW 400 ( und weit darüber!) angelangt, vermag ohne Frage jeder Musiker auf Grundlage des Intellektes anzuerkennen, dass es in jedem Fall Wert ist, gute Musik zur Aufführung zu bringen, wurde sie auch von einer Frau komponiert.

Sicher wird man an diesem Beispiel klarer erkennen können, wie unser menschliches Bewusstsein arbeitet. Es braucht die Zeit die es braucht, um in Liebe zu wachsen, und man kann nicht erwarten, durch Appelle und Ansprachen seine Funktionsebene anheben und quasi über Nacht ändern zu können. Es wurde vielmals beschrieben, dass in dieser Beziehung allein durch liebevolles Annehmen und ehrliche Wertschätzung Fortschritte zu erwarten sind.

– Irina Jacobson: „Musik – Soli Deo Gloria“ S. 110

Lili Boulanger (1893-1918), erste weibliche Preisträgerin des „Prix de Rome“, ist meinen Forschungen nach nicht nur die größte Komponistin unserer Musikgeschichte, sondern letztlich in ihrer Kompositionstechnik und Tiefe unerreicht. In ihrem kurzen, von Krankheit gezeichneten Leben hat sie ein umfangreiches Œvre geschaffen, welches bis heute Seinesgleichen sucht. Auf der Blogseite „Persönlichkeiten“ ist sie gelistet und zeichnet sich stets durch das höchste Bewusstsein gegenüber allen anderen Komponisten und vielen großen Persönlichkeiten aus. Bereits am 04.12.2020 wurde über die Komponistin auf diesem Blog ein viel beachteter und kommentierter Beitrag veröffentlicht. Bei Interesse: Bitte unbedingt nachschauen!

„Eine Frau, Lilli Boulanger, die 19-jährige Tochter eines Gesangslehrers am Konservatorium, hat den Grand Prix de Rome gewonnen, wobei es das erste Mal in seiner 110-jährigen Geschichte ist, dass eine Frau den heißbegehrten Preis erhielt. Dass unter anderem so bemerkenswerte Komponisten wie Berlioz, Bizet, Gounod, Massenet, Debussy und Charpentier Rompreisträger waren, macht seinen Wert deutlich.“

– „The Musical Leader“ am 31.07.1913

Als Freund Frankreichs möchte ich mein Erstaunen darüber zum Ausdruck bringen, dass Lili Boulanger nicht als die Persönlichkeit angesehen wird, die sie in Wirklichkeit ist; nämlich die größte Komponistin der Musikgeschichte! 

– Igor Markevitch (1912-1983) – Komponist und Dirigent

Veröffentlicht in: Musik

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