Die Zeit der letzten Posaune – Johannes Brahms heute

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und dasselbe plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune schallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.…

– Korinther 15:51-53

Johannes Brahms: „Ein deutsches Requiem“ (Ausschnitt aus einer Aufführung mit den Wiener Philharmonikern 1988 unter Nikolaus Harnoncourt, Bariton: Thomas Hampson): Denn wir haben hie keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.

Wenn aber das Verwesliche wird anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche wird anziehen die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?

– Korinther 15:54-55

„Was den Text betrifft, will ich bekennen, dass ich recht gern auch das ,Deutsch‘ fortließe und einfach den ,Menschen‘ setzte.“

– Johannes Brahms (30-jährig über den Titel)

Untypisch ist dieses Requiem aber nicht alleine aufgrund der Sprache. Es verzichtet auch völlig auf liturgische Teile, meidet die direkte Nennung des Namens Christi oder Jesu und schafft auf diese Weise eine Form der überkonfessionellen Ansprache – es sei eben ein Requiem „für den Menschen“, wie Brahms selbst sagte. Anstatt der traditionellen Propriumsteile hat Brahms sich für eine eigene Zusammenstellung von Zitaten aus der Luther-Übersetzung des Alten und Neuen Testaments entschieden. Die Stellen, die er dafür auswählte, belegen schon einmal ganz deutlich: Er, der sich oft als Gegner eines orthodoxen Glaubens bezeichnete (die Bibel konnte ihm nicht „heidnisch genug“ sein), kannte die Heilige Schrift gründlich.
Schließlich handelt es sich bei seiner Textauswahl um zum Teil sehr ungewöhnliche Abschnitte, die bis dahin noch nie Gegenstand einer Vertonung waren, etwa im Fall der bildhaften Sentenz des „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. Im Vordergrund steht im Brahms-Requiem nicht die (destruktive) Trauer, sondern das (konstruktive) Trösten, wie es gleich zu Beginn thematisiert wird mit dem Ausschnitt aus der Bergpredigt: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Trost ist das Schlüsselwort, das sich durch das gesamte Werk zieht, so nachhaltig, als wollte Brahms die Trauernden regelrecht an die Hand nehmen: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; sehet mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost gefunden.“ Nicht die Toten stehen hier, wie im Requiem als traditioneller Totenmesse, im Mittelpunkt. Vielmehr richtet sich Brahms mit seiner Wortwahl an die Lebenden, an die, die Kraft für die Trauer benötigen. Eine zutiefst persönliche Sichtweise – darin ganz dem 19. Jahrhundert verpflichtet.

– Quelle: https://www.ndr.de/orchester_chor/radiophilharmonie/programmheft996.pdf

1. Selig sind, die da Leid tragen,
denn sie sollen getröstet werden.
Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und tragen edlen Samen,
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben
Blessed are they that mourn,
for they shall be comforted.
They who sow in tears,
shall reap in joy.
Go forth and cry,
bearing precious seed,
and come with joy
bearing their sheaves
2. Denn alles Fleisch ist wie Gras
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.
Das Gras ist verdorret
und die Blume abgefallen.So seid nun geduldig, lieben Brüder,
bis auf die Zukunft des Herrn.
Siehe, ein Ackermann wartet
auf die köstliche Frucht der Erde
und ist geduldig darüber, bis er empfahe
den Morgenregen und Abendregen.Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit.Die Erlöseten des Herrn werden wieder kommen,
und gen Zion kommen mit Jauchzen;
ewige Freude wird über ihrem Haupte sein;
Freude und Wonne werden sie ergreifen
und Schmerz und Seufzen wird weg müssen
For all flesh is as grass,
and the glory of man
like flowers.
The grass withers
and the flower falls.Therefore be patient, dear brothers,
for the coming of the Lord.
Behold, the husbandman waits
for the delicious fruits of the earth
and is patient for it, until he receives
the morning rain and evening rain.But the word of the Lord endures for eternity.The redeemed of the Lord will come again,
and come to Zion with a shout;
eternal joy shall be upon her head;
They shall take joy and gladness,
and sorrow and sighing must depart
3. Herr, lehre doch mich,
daß ein Ende mit mir haben muß,
und mein Leben ein Ziel hat,
und ich davon muß.Siehe, meine Tage sind
einer Hand breit vor dir,
und mein Leben ist wie nichts vor dir.
Ach wie gar nichts sind alle Menschen,
die doch so sicher leben.Sie gehen daher wie ein Schemen,
und machen ihnen viel vergebliche Unruhe;
sie sammeln und wissen nicht
wer es kriegen wird.
Nun Herr, wess soll ich mich trösten?
Ich hoffe auf dich.Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand
und keine Qual rühret sie an
Lord, teach me
That I must have an end,
And my life has a purpose,
and I must accept this.Behold, my days are
as a handbreadth before Thee,
and my life is as nothing before Thee.
Alas, as nothing are all men,
but so sure the living.They are therefore like a shadow,
and go about vainly in disquiet;
they collect riches, and do not know
who will receive them.
Now, Lord, how can I console myself?
My hope is in Thee.The righteous souls are in God’s hand
and no torment shall stir them
4.Wie lieblich sind deine Wohnungen,
Herr Zebaoth!
Meine Seele verlanget und sehnet sich
nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich
in dem lebendigen Gott.Wohl denen, die in deinem Hause wohnen,
die loben dich immerdar
How lovely are thy dwelling places,
O Lord of Hosts!
My soul requires and yearns for
the courts of the Lord;
My body and soul rejoice
in the living God.Blessed are they that dwell in thy house;
they praise you forever
5. Ihr habt nun Traurigkeit;
aber ich will euch wieder sehen
und euer Herz soll sich freuen
und eure Freude soll niemand von euch nehmen.Sehet mich an:
Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt
und habe großen Trost funden.Ich will euch trösten,
wie Einen seine Mutter tröstet
You now have sorrow;
but I shall see you again
and your heart shall rejoice
and your joy no one shall take from you.Behold me:
I have had for a little time toil and torment,
and now have found great consolation.I will console you,
as one is consoled by his mother
6. Denn wir haben hie keine bleibende Statt,
sondern die zukünftige suchen wir.Siehe, ich sage euch ein Geheimnis:
Wir werden nicht alle entschlafen,
wir werden aber alle verwandelt werden;
und dasselbige plötzlich, in einem Augenblick,
zu der Zeit der letzten Posaune.
Denn es wird die Posaune schallen,
und die Toten werden auferstehen unverweslich,
und wir werden verwandelt werden.
Dann wird erfüllet werden
das Wort, das geschrieben steht:
Der Tod ist verschlungen in den Sieg.
Tod, wo ist dein Stachel?
Hölle, wo ist dein Sieg?Herr, du bist würdig zu nehmen
Preis und Ehre und Kraft,
denn du hast alle Dinge geschaffen,
und durch deinen Willen haben sie
das Wesen und sind geschaffen
For we have here no continuing city,
but we seek the future.Behold, I show you a mystery:
We shall not all sleep,
but we all shall be changed
and suddenly, in a moment,
at the sound of the last trombone.
For the trombone shall sound,
and the dead shall be raised incorruptible,
and we shall be changed.
Then shall be fulfilled
The word that is written:
Death is swallowed up in victory.
O Death, where is thy sting?
O Hell, where is thy victory?Lord, Thou art worthy to receive all
praise, honor, and glory,
for Thou hast created all things,
and through Thy will
they have been and are created
7. Selig sind die Toten,
die in dem Herrn sterben,
von nun anJa der Geist spricht,
daß sie ruhen von ihrer Arbeit;
denn ihre Werke folgen ihnen nach
Blessed are the dead
that die in the Lord
from henceforthYea, saith the spirit,
that they rest from their labors,
and their works shall follow them

In meinem Arbeitszimmer kann ich im Dunkeln die Hand auf die Bibel legen. Alle wirklich inspirierten Ideen kommen von Gott. Die Kräfte, aus denen alle wirklich großen Komponisten wie Mozart, Schubert, Bach und Beethoven ihre Inspirationen gezogen haben, sind dieselbe Kraft, die es Jesus ermöglichte, seine Wunder zu vollbringen.

– Johannes Brahms (1833-1897)

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