Germaine Tailleferre – Musik als Mittel zur Musikalität

Die Musik von Germaine Tailleferre ist wie die berühmten sauren englischen Drops; unvergleichlich köstlich löschen sie den Durst, um einen sogleich wieder naschhaft zu machen…Man wollte sie hören, um endlich über die pomadisierte Melasse eines Massenet oder Puccini hinwegzukommen.

– Artikel des „L`Atelier“ 1944 über G. Tailleferres „Jeux de plein air“

Germaine Tailleferre wurde am 19. April 1892 nahe von Paris geboren. Den ersten Klavierunterricht erhielt sie von ihrer Mutter. Der Vater, ein gewalttätiger normannischer Landsmann, siedelte die Musikausbildung seiner Tochter wohl nicht unweit der Prostitution an, wie aus den Memoiren der Künstlerin hervorgeht. So kam es, dass sie mit Unterstützung der Mutter 12-jährig das Pariser Conservatoire heimlich besuchen musste. Ab 1913 studierte sie gemeinsam mit Darius Milhaud und Arthur Honegger Kontrapunkt, Klavierbegleitung und Harmonielehre. Um ihr Studium zu finanzieren gab sie Klavierstunden und komponierte nicht selten für ihre Schüler ein passendes Klavierstück.

Beide (Sätze) demonstrieren ein geniales Einfühlungsvermögen in die Eigenartigkeit des Instruments…Sie sind ein klarer Beweis für eine neue Klavierkultur. Die KLAVIERSTÜCKE Germaine Tailleferres sind alert und setzten lebendige Klanglichkeit frei.

– Jean Cocteau über „Jeux de plein air“

Germaine Tailleferres Instrument war immer das Klavier. Die lässt ihre Werke für PianistInnen zu einer interessanten Fundquelle werden. So entstand 1917 ein Werk für 2 Klaviere „Jeux de plein air“, welches zu den reizvollsten dieses Genres überhaupt zu zählen ist. Als sie diese Stücke eines Abends bei Freunden aufführte, kam es zu einer wichtigen Begegnung im Leben der Komponistin:

„Während wir spielten traf Satie ein. Nachdem er im Vorzimmer eine Weile zugehört hatte, trat er in den Salon, begeistert, und fragte nach dem Komponisten. Wir wurden einander vorgestellt. Er umarmte mich und nannte mich „seine musikalische Tochter“… es war der Sonntag meiner Chance und tatsächlich hat diese Begegnung mein ganzes Leben bestimmt.“

– Germaine Tailleferre, Memoiren

Später äußerte sie sich über den musikalischen Einfluss des großen Reformers der französischen Musik wie folgt: „Nach dem überwältigenden Debussyschen Zauber und der magischen Technik Ravels, war man fast verwirrt von seiner extremen linearen Schlichtheit. Für mich, wie später viele andere, war es seine Art zu komponieren, die ich gesucht hatte…“

Hier ein englischsprachiges Video mit einer kurzen Biografie der bemerkenswert schaffensfrohen Komponistin. Viele ihrer früheren Werke gelten heute als verschollen, da die Komponistin während der faschistischen Besatzungszeit Frankreich übereilt verlassen musste und einen Großteil ihrer Manuskripte nicht mitnehmen konnte.

Der Wert ihrer Stücke, wie auch aller ihrer Kinderstücke, liegt in der Fähigkeit der Vermittlung von Freude, dem für die Komponistin so unverzichtbaren Kriterium für Musik. Inwieweit man diese Art zu komponieren als typisch französisch, oder, wie sie selbst ausdrückt, als Mittel zur Kompensation ihres schwierigen Lebens begreifen kann, ist dann im Sinne der Musik dennoch zweitrangig. Für sie war es wichtig, am frischen und unverbildeten kindlichen Geist immer wieder die eigenen musikalischen Ambitionen zu überprüfen und sich in schlichtester Einfachheit zu üben. Daniel Lesur (Komponist 1908-2002) bemerkte treffend zu ihren Kompositionen: „Die Musik stammt aus alten Zeiten…das Band, das sie vereint ist nicht mehr oder weniger als ihre Einfachheit. Nicht alles, was man so will gerät immer leicht und verständlich. Vor allem ist es nicht leicht, einfach zu komponieren.“ Ihre äußerungen betreffs der „neuen“ Musik sind dann auch folgerichtig:

Ich finde sie interessant (die „neue“ Musik), aber sie macht mir absolut keinen Spaß. Sie schenkt kein bisschen Lebensfreude. Wenn ich dagegen an die Reaktionen gegen den Impressionismus denke, wie wollten eine fröhliche Musik, vor allem anderen. Die Musik von heute finde ich kalt und auch ein wenig grausam.

Folgerichtig und konsequent scheint sich gerade bei Germain Tailleferres Kompositionen ein Kreis zu schließen. Sie die die wohl strengste künstlerische Ausbildung am Pariser Conservatoire absolvieren musste, lehnte für alle Zukunft jegliche strengen Regeln in der Musik und deren Ausbildung ab. Ihre Enkelin Elvire Rudder, die von der Komponistin großgezogen worden war, sagte darüber in einem Interview:

So wie der Schwerpunkt ihrer Kompositionen für Klavier weniger darin liegt, bloße mechanische Geläufigkeit zu trainieren, als vielmehr lebendiges Musizieren zu praktizieren, so war auch ihr Klavierunterricht niemals nur auf hohe Virtuosität und fertige Geläufigkeit ausgerichtet…Einem modernen Unterricht gilt das Klavierspiel nicht als Zweck, sondern als Mittel zur Musikalität.

Auch ihre Musik, die sie der Menschheit hinterließ, als sie am 7. November 1983 im Alter von 91 Jahren starb, hatte niemals einen höheren Zweck , als einfach nur Musik zu sein, Musik als mittel zur Musikalität. Und warum sollte dies nicht das Größte sein, was je ein Musiker erschaffen kann…?

…Ich habe wenig Respekt vor Traditionen. Ich mache Musik, weil es mir Spaß macht. Es ist keine große Musik, das weiß ich. Es ist fröhliche Musik, leicht…

– Germaine Tailleferre

 

 

 

Veröffentlicht in: Musik

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