J. Krishnamurti oder der Ruf nach einem Weltenlehrer

Ich behaupte, dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist und dass es keine Pfade gibt, die zu ihr hinführen – keine Religionen, keine Sekten. Das ist mein Standpunkt, den ich absolut und bedingungslos vertrete. Die Wahrheit ist grenzenlos, sie kann nicht konditioniert, sie kann nicht auf vorgegebenen Wegen erreicht und daher auch nicht organisiert werden. Deshalb sollten keine Organisationen gegründet werden, die die Menschen auf einen bestimmten Pfad führen oder nötigen. Wenn ihr das einmal verstanden habt, werdet ihr einsehen, dass es vollkommen unmöglich ist, einen Glauben zu organisieren. Der Glaube ist eine absolut individuelle Angelegenheit und man kann und darf ihn nicht in Organisationen pressen. Falls man es tut, wird er zu etwas Totem, Starrem; er wird zu Gier, zu einer Sekte, einer Religion, die anderen aufgezwungen wird. Die Wahrheit wird in Formen gepresst und zu einem Konsumgut für die Schwachen, die nur eine momentane Unzufriedenheit spüren. Der Mensch kann die Wahrheit nicht zu sich herabziehen, sondern muss sich bemühen, zu ihr aufzusteigen.

–  Jiddhu Krishnamurti (1895-1986)

Übersetzung: Thomas Neemann

Wer wüsste die Zahl derer zu benennen, die nach langem Suchen erkennen durften, dass alles Leid dieser Welt nur davon abhängt, worein ein Mensch seinen Glauben setzt? Jeder Einzelne, der sich unendlich erleichtert von allen Illusionen befreit sah, wollte aus tiefstem Herzen heraus die Menschheit ebenso befreit wissen. Doch wo war der Weg? Wie konnte man jeden qualvoll Leidenden davon überzeugen, dass es allein ihm oblag, seinem Leben eine andere, sinnvolle Richtung zu geben? Jene, die sich berufen fühlten, diesen Weg zu lehren, mussten bald realisieren, dass neben der offensichtlichen Begrenzung ihrer Zeit und Reichweite ihr Wissen von nicht Wenigen missverstanden wurde und dass es überdies Menschen gab, die sich durch ihr Wirken bedroht fühlten. Vielleicht wurde hier die Vision des Weltenlehrers geboren, dem, seinen göttlichen Eigenschaften gemäß, einfach niemand widerstehen konnte und der in überschaubarer Zeit die ganze Welt erlösen würde. Jede der großen Weltreligionen trägt diese Idee in sich. Ob wir ihn Messias oder Maitreya, Christus oder Mahdi nennen: Immer ist es das Warten und Hoffen auf einen einzigen Erlöser. Doch wie wohl sollte er beinahe 8 Milliarden Menschen erreichen können?

– Irina Jacobson: „Das Drehbuch deines Lebens“

Übersetzung: Thomas Neemann

Am 11. Mai 1895 erblickte in einer indischen Brahmanenfamilie Jiddhu Krishnamurti unter ärmlichen Verhältnissen das Licht der Welt. Sein Leben sollte sich ab dem Moment grundlegend ändern, als 1909 ein führendes Mitglied der theosophischen Gesellschaft, Charles Webster Leadbeater (1847-1934), in ihm den wieder verkörperten Christus erkannte. Der sichere Glaube an die prophezeite Wiederkunft Christi in einer Person hatte auch vor der theosophischen Gesellschaft und ihrer dieses Ereignis in naher Zukunft sehenden Gründerin Helena Blavatsky (1831-1891) nicht Halt gemacht. Die Erlösung der Welt schien in greifbare Nähe gerückt zu sein und ein 16-jähriger Jüngling wurde das Oberhaupt eines eigens für ihn gegründeten Ordens. Und tatsächlich besaß dieser junge Mensch die Gabe, derart hohe Energien zu kanalisieren, dass sich sogar englische Offiziere unvermittelt vor ihm niederwarfen – ein vollkommen undenkbares Szenario unter der selbstverständlich gepflegten Herabwürdigung der indischen Bevölkerung während der Kolonialzeit.

– Irina Jacobson: „Das Drehbuch deines Lebens“

Übersetzung: Thomas Neemann

Der Kontakt mit jener durch Augenzeugen überlieferten ungeheuren energetischen Durchstrahlung, erwirkt durch die unreflektierte Hingabe an okkulte Praktiken, blieben allerdings für seine zarte Konstitution nicht ohne Folgen. Erst im Herbst 1964, beinahe 70-jährig, konnte seiner dokumentierten desolaten Gesundheit durch den Homöopathen Georgos Vithoulkas (geb. 1932) zu annähernder Stabilität verholfen werden. Vithoulkas selbst glaubte beim ersten Zusammentreffen, einen Menschen vor sich zu haben, der noch etwa zwei Wochen zu leben habe.

Bereits 1929, nach langen Jahren voller Zweifel, wusste er sich endgültig aus seiner Rolle des Welterlösers zu befreien, indem er vor 3000 angereisten Mitgliedern die ihm zugehörige Gesellschaft „Order of the Star of the East“ auflöste.

– Irina Jacobson: „Das Drehbuch deines Lebens“

Übersetzung: Thomas Neemann

Ich behaupte, dass die Wahrheit ein pfadloses Land ist und dass es keine Pfade gibt, die zu ihr hinführen – keine Religionen, keine Sekten. Das ist mein Standpunkt, den ich absolut und bedingungslos vertrete. Die Wahrheit ist grenzenlos, sie kann nicht konditioniert, sie kann nicht auf vorgegebenen Wegen erreicht und daher auch nicht organisiert werden. Deshalb sollten keine Organisationen gegründet werden, die die Menschen auf einen bestimmten Pfad führen oder nötigen. Wenn ihr das einmal verstanden habt, werdet ihr einsehen, dass es vollkommen unmöglich ist, einen Glauben zu organisieren. Der Glaube ist eine absolut individuelle Angelegenheit und man kann und darf ihn nicht in Organisationen pressen. Falls man es tut, wird er zu etwas Totem, Starrem; er wird zu Gier, zu einer Sekte, einer Religion, die anderen aufgezwungen wird. Die Wahrheit wird in Formen gepresst und zu einem Konsumgut für die Schwachen, die nur eine momentane Unzufriedenheit spüren. Der Mensch kann die Wahrheit nicht zu sich herabziehen, sondern muss sich bemühen, zu ihr aufzusteigen. (…) Ich möchte keiner spirituellen Organisation, ganz gleich welcher Art, angehören, und ich bitte euch, das zu verstehen. Ich betone noch einmal, dass keine Organisation einen Menschen zur Spiritualität führen kann. Wenn eine Organisation zu diesem Zweck gegründet wird, so wird sie zu einer Krücke, die euch schwächt, zu einem Gefängnis. Solche Organisationen verkrüppeln das Individuum, hindern es daran, zu wachsen und seine Einzigartigkeit zu leben, die ja darin liegt, dass es ganz alleine diese absolute, uneingeschränkte Wahrheit entdeckt. Das ist ein weiterer Grund dafür, dass ich mich – da ich der Präsident des Ordens bin – entschlossen habe, den Orden aufzulösen. Niemand hat mich zu dieser Entscheidung gedrängt oder überredet. Das ist keine großartige Tat, denn ich will keine Jünger oder Anhänger; ich meine das so, wie ich es sage. In dem Moment, in dem man beginnt, jemandem zu folgen, hört man auf, der Wahrheit zu folgen.“

– J. Krishnamurti: Rede 1919, anlässlich der Auflösung der für ihn gegründeten Organisation „Order of the Star of the East.“

Übersetzung: Thomas Neemann

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