Mutter, Tochter und Heiliger Geist: die drei Grazien des Orphismus und die hohe Bedeutung der Musik

Die Bedeutung des Musikers im Orphismus (ca. 600 v. Chr.), welcher sich auf Apollo und den sagenumwobenen Sänger Orpheus berief, war seine außergewöhnliche Gabe, sein Bewusstsein so zu transzendieren, dass Gott selbst durch ihn die Musik zum Klingen brachte. Die Musik selbst, ihre Noten und die Art und Weise des Musizierens, waren mit den 9 Musen verbunden. Diese Musen stellten die personalisierte Musik in ihrer Eigenschaft durch ihre Schönheit und Vollkommenheit das Bewusstsein der Zuhörer anzuheben dar. Diese Fähigkeit erhielten sie von den 3 Grazien, die für die Orphiker die heilige Dreieinigkeit repräsentierte, also keine männliche, sondern eine weibliche Trinität darstellte. Diese drei Grazien waren Thalia, Aglaia und Euphrosyne, die die Rolle der Mutter, der Tochter und des heiligen Geistes inne hatten.

– Shunyamurti im Video unten ab ca. 5:20

„Die drei Grazien“ Lucas Cranach, der Ältere 1472-1553

In diesem englischsprachigen Video spricht Shunyamurti über die mystische, nonduale Lehre der Orphiker, deren höchster Gott Apollo war und der bezeichnender Weise die Leier mit 7 Saiten (in Analogie zu den 7 Chakren) spielte.

Dass es sich bei „Orpheus“ um den selben Archetypen, wie dem des uns heute verkannter Weise als Gott des Rausches und der Trunkenkeit, „Dyonysos“ gegenwärtigen, und – darüber hinaus – weiterhin, als den gleichzeitig mit dem „Christus“ in Verbindung stehenden Archetypen des „gekreuzigten Gottes“  handelt, wird erst seit jüngsten Erkenntnissen von einigen wenigen Forschern anerkannt. Auch Dyonysos, oder Bacchus genannt, wurde am 24. Dezember geboren und hatte 12 Apostel. Es handelt sich bei den Orphikern also nicht um bloße Geschichte, sondern wir begegnen hier ewigen, hohen Archetypen.  Apollo als Gott des Lichtes stellt hier die höchste Schöpfungsmacht dar. Dies wurde besonders von den Pythagoreern und Platonikern aus seinem Namen hergeleitet: A-pollon („der Nichtviele“) – gebildet aus dem a- (Alpha Privativum) und pollón („viel“). Apollo selbst spielte die Lyra mit den symbolträchtigen 7 Saiten. Er war der Gott, der die Welt aus Klang erschaffen hatte (Nadabrahman), so wie die Welt als solche daher reiner Klang ist (Nada Brahma). Ein Musiker vermochte in diesem Kontext (und sollte heute) durch seine mediale Fähigkeit eine Verbindung zum Göttlichen herzustellen, und auf diese Weise mittels seiner Kunst die Zuhörer aus der Ebene ihres Egobewusstseins zum Universellen hin anzuheben. Dies wurde durch das Wirken der Trinität zu gleichen Teilen, keinesfalls durch einen  („angebliche“) Sündenerlass mittels der Kreuzigung eines Christus, sondern durch die Teilhabe am Heiligen Geist garantiert, die es jedem Menschen ermöglicht aus freiem Willen zu Gott zurückzufinden. In diesem Sinn obliegt es Thalia (in Analogie zum Heiligen Geist), in das Unbewusste des Menschen implantiert, für göttliche Inspiration (aus jeder Qual und allem Wahnsinn) zu göttlichem Frieden und Glück zu ebnen.

Es mag andere Auffassungen über Musik geben – doch wenn man sich auf die Ebene des rein Geistigen begibt und sich vorzustellen wagt, was es bedeuten kann, ein ebensolches Wesen zu sein, wird augenblicklich klar, dass in ihr keinerlei Begrifflichkeit existieren wird. Wie man von Erleuchteten erfahren kann, dass ab diesem Punkt des Bewusstseins totale Erkenntnis immateriellen Seins eintritt, findet wahre Kommunikation nur innerhalb nonverbalen, emotionalen Austausches statt. Bewusstsein teilt sich zeitlos und total mit. Es ist überall gegenwärtig und hat nichts mit Körpern und Gegenständen zu tun. Ein Abglanz dieses nonverbalen Kommunizierens mag unsere als „klassisch“ definierte Musik darstellen, wobei sie sich innerhalb der Zeit niemals total, sondern nur in einem Verlauf mitteilen kann. Sie bleibt für uns an Zeit gebunden. Sophia Gubaidulina, in einem Interview über ihrer Arbeit als Komponistin befragt, sagte, dass es stets ihre größte Herausforderung sei, ein Werk in einem der Zeit gemäßen Ablauf niederzuschreiben, weil es bereits in ihrer Wahrnehmung zeitlos, als vollkommen präsente Einheit vorhanden ist. Ein, nennen wir es „berufener“, klassischer Komponist schreibt darum nur auf, was immer da war, er muss sich nichts ausdenken, und er ahnt, dass er als Kanal einer ewig inspirierenden und klingenden Ebene dient. Es erklärt, warum in großen Werken jeder Ton sinnvoll, und das Gesamtwerk in jeder Hinsicht vollkommen ist.

Die Musik großer klassischer Komponisten ist in sofern eine vollkommene Sprache, da sie es uns auf Grund der ihr innewohnenden Universalität möglich macht, sie wortlos zu verstehen. Ob sie darum unser aller eigentliche Sprache ist, kann man vermuten, doch weiß es niemand sicher zu behaupten. Als Botschafterin wortlosen Verstehens bekommt sie innerhalb unserer Welt die wesentliche Funktion, uns zu erinnern.

So wie ein Mensch sich selbst innerhalb des von mir als Pol der Angst beschriebenen Lebensumfeldes erfahren kann, gibt es selbstverständlich ein breites Spektrum der Musik, die dieses Fühlen abdeckt. Wobei die klare Zuordnung zur Angst bei vielen Lesern Zweifel und Unglauben hervorrufen wird. Gerade innerhalb der Lapidarmusik, die uns in gängigen Melodiefolgen eine heile Welt des Glücks vorgaukelt, wird schwer ein Gefühl der Angst aufkommen und man ist dagegen eher geneigt selig mitzuschunkeln. Bei genauer Betrachtung können diese Klänge als Narkotikum bezeichnet werden, ähnlich wie es Bücher, Filme, gutes Essen, modische Kleidung, das Smartphone oder auch das schnelle, neue Auto in unserer sich beständig ablenkenden Welt sind. Und natürlich sucht sich jeder von seiner Angst abzulenken. Das hängt damit zusammen, dass ein unbewusster Mensch sich seiner selbst nicht sicher ist und quasi nur eine Rolle spielt, von der er glaubt sie spielen zu müssen, weil „man“ es so macht. Es muss Angst und Unsicherheit erzeugen, jemand sein zu wollen, der man gar nicht sein kann und am Ende damit auch nicht mehr zu wissen, wer man denn wirklich ist. So sagt man: Ich bin Arzt, Musiker, Mutter, Koch und irgendwann Rentner – jedoch kann all das in unserer Welt schon morgen ganz anders aussehen. Wir schließen jede Menge Versicherungen ab, installieren Rauchmelder in unsern Wohnungen, bauen Sicherheitsschlösser ein, gehen zu Vorsorgeuntersuchungen weil wir Angst haben. Und, um zur Musik zurückzukehren, spielen wir die Stücke so, wie „man“ sie spielt und vor allem wie eine Wettbewerbsjury sie hören will…. Die Angst hat uns fest im Griff und mit ihrer „gnädigen“ Hilfe werden wir sie auch immer behalten. Es ist ein Hamsterrad, in dem wir uns, von Angst angetrieben um uns selbst drehen und uns und allem in unserem Leben fremd bleiben.

Angst ist allein ein Ruf nach Liebe. Natürlich findet sich diese Definition nicht auf Wikipedia. Sie entsteht einzig aus dem Versuch die Gesetze des Lebens ändern zu können. Wer von uns würde von sich behaupten wollen, unumstößliche, ewige Gesetze ändern zu können, ohne am Ende zu scheitern? Wenn wir selbst vollkommene und liebevolle Wesen sind, die sich durch äußere, stets vergängliche „Werte“, sei es Erfolg, Wohlstand oder einen attraktiver Körper definieren, versuchen wir unser Leben auf Fundamenten aufzubauen, die nicht existieren. Es gibt keinen Wert in äußeren Dingen. Jeder von uns kann das erkennen, wenn er realisiert, dass all diese vergänglichen „Werte“ uns zu Sklaven machen, da sie von uns immer weitere und aufwendigere Dienste fordern. In Wahrheit suchen wir immer nur die Liebe, die wir, weil wir Liebe sind, natürlich nur in uns selbst finden können. Das Gesetz des Lebens ist allein Liebe, wodurch es in ewiger Sicherheit ist. Da wir es anders haben wollen, erzeugt der wahrgenommene Mangel an Liebe in uns eine Leere, die wir als Angst definieren und die uns folgerichtig und damit weiterhin im Außen dazu veranlasst, ihr zu entkommen. Es ist genau das Hamsterrad, in dem wir uns ohne den einzigen sinnvollen Entschluss immer weiter um uns und unsere Angst drehen werden.

– Irina Jacobson: „Musik – Soli Deo Gloria“ S. 64-66

 

Veröffentlicht in: Musik

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